Ein Interview mit Sophia M.A. Eisenhut

Was hat Dich gedrängt, ein Set Tarotkarten zu gestalten?

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© Alte Eule Photography/ Sarah Storch

Mein künstlerisches Interesse galt schon immer Allegorien und die des Tarot haben mich schon länger sehr fasziniert, sodass ich begann, mich mit der Entwicklungsgeschichte der einzelnen Kartenmotive zu beschäftigen. Daran, wie weit die Idee, ein eigenes Deck zu illustrieren, tatsächlich zurückreicht, kann ich mich nicht erinnern, so lange trug ich sie mit mir herum. Trotzdem war das Erstellen des Sets eher in künstlerischer als in spiritueller Hinsicht sinnstiftend für mich, weil ich es als gutes Modell empfand, um eine eigene Tierikonographie zu erstellen und ein bildinhaltliches System zu festigen, das sich auch in anderen Zeichnungen von mir widerspiegelt.

Wie hast Du Dich der Gestaltung genähert? Welche formellen Zwänge und Traditionen gab es bei der Gestaltung zu berücksichtigen? Und wo siehst Du Dein Set selbst unter den Tarotkarten – was macht es besonders?

Bald stand für mich fest, dass ich mich in der Gestaltung auf die 22 Karten des großen Arkana beschränken möchte, die Bezeichnungen der Karten habe ich aus dem Marseiller Tarot übernommen, weil mir dieses Blatt nach eingehender Recherche gemessen an seiner Vollständigkeit am ursprünglichsten vorkam. Gleichzeitig erschien es mir reizvoll, etwa die alchimistischen Zuordnungen als zusätzliche Ebene zu berücksichtigen, wie sie besonders durch den Order of the Golden Dawn Eingang in das Tarot fanden. Schließlich war es durch meine christlich geprägte Sicht auch unumgänglich, Zusammenhänge zur Ikonographie des Christentums, wie etwa im Physiologus geschildert, zu übernehmen. Hinzu kamen außerdem intuitive persönliche Assoziationen und ironische Verweise, die manchmal unter den Karten aufblitzen. Diese Vielzahl an Quellen und Einflüssen, diese unorthodoxe Herangehensweise sind es, was einem allzu traditionellen Okkultisten die Karten suspekt erscheinen lassen mögen, und doch sind es gleichzeitig die Aspekte, die das Deck in meinen Augen auszeichnet.

In Deinen Arbeiten, nicht nur in diesem Set Tarotkarten, begegnet man häufig Tieren, mal verletzt oder tot, mal sehr lebendig und mal etwas fabelhaft vermenschlicht, mal wie Ikonen aufgezogen – vor allem jedoch vielen Tieren. Woher rührt dieses Thema?

Tarot KartenMein künstlerisches Interesse am Tier ist vor allem ein Interesse an der vollkommenen Unschuld was sich wiederum auf prägende Erlebnisse meiner Kindheit gründet. Dazu zählen meine katholische Erziehung, die Intensität des kindlichen Glaubens, der Fuchs, der in einem Märchenfilm vom Prinzen erschossen wurde, der Anblick von Christus am Kreuz, die eigene Traurigkeit an Karfreitagen, Mantegnas heiliger Sebastian, der mir schon damals erotisch vorkam. Mit fünfzehn fand ich einen toten Fuchs auf der Straße und sah das Motiv des Erlösertodes in ihm verwirklicht, das war sicher der entscheidendste Schlüsselmoment für mein Schaffen. Später wiederholte sich das Erlebnis mit meiner Katze, ich erinnere mich an das Gefühl ihres steifen Körpers. Ich kann die Frage nicht anders beantworten als anhand dieser Erlebnisse. In ihnen empfand ich vollkommene Nähe zu den Tieren und zu mir selbst, dabei denke ich an Nietzsche, als er dem Pferd in Turin um den Hals fiel, während er ihm „mein Bruder!“ zurief, kurz vor seiner geistigen Umnachtung. Die Konfrontation mit dem Leiden und das Mit-Leiden, der Wille zur Selbstaufgabe, der darin liegt, ist der einzige Aspekt, in dem ich mich jetzt noch als spirituell bezeichnen würde. Es ist seit meiner Kindheit dasselbe Gefühl geblieben, und ich erlebe diese Momente nicht nur in religiösen Darstellungen, sondern eben auch im Anblick von Tieren.

Hast Du andere Leidenschaften, die Dich ähnlich treiben wie Deine Zeichnungen? Gibt es Momente, in denen diese Passionen zusammenkommen, sich etwa in Deinen Werken reflektieren?

Ich sehe die Sprache als ein weiteres geeignetes Mittel, mich auszudrücken, und ich denke, in meiner Prosa lassen sich die Motive meiner Zeichnungen ebenfalls gut nachweisen. Die Photographie, bei der ich mit der Beschädigung von Filmen experimentiere, betrachte ich eher als eine Ergänzung zur Graphik. So widme ich mich im Moment einer photographischen Serie von Marienaltären, die meine Zeichnungen zur „weiblichen Hysterie“ als männliches Konstrukt widerspiegeln sollen. Dafür habe ich die Farbfilme in Urin und Menstruationsblut eingelegt; bei diesem Thema geht es um die Rolle Marias im Zwiespalt zwischen Fruchtbarkeitsgöttin und jungfräulichem Ideal, als Magd Gottes und als duldsame Dolorosa, also um die Passion der Frau selbst.

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